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In diesem Blog veröffentliche ich lustige oder ernste Töne zu unterschiedlichen Themen, die mich bewegen.
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Freitag, 22. April 2011

Karfreitag oder: Über unseren Umgang mit dem Scheitern


Immer, wenn Menschen von einem Ereignis besonders erschüttert sind, wird viel geredet. Jeder hat etwas zu sagen. Ich schließe mich da nicht aus, sonst würde hier kein Text stehen. Die Berichte über die Kreuzigung Jesu sind solch ein Thema, das mich immer wieder erschüttert.

Und wie so oft, sagen die Beteiligten je nach Position und Einstellung ganz unterschiedliche Dinge. Und es ist durchaus die ein- oder andere Überraschung dabei.

Überrascht bin ich z.B. von dem Verbrecher, der wie Jesus am Kreuz hängt, der wie Jesus mit dem Tode ringt und dem in diesen letzten Stunden nichts Wichtigeres einfällt, als zu spotten. Doch wenn ich ehrlich bin, muss ich zugeben, dass ich auch sehr oft mit dem Finger auf andere Zeige, über sie spotte. „Selber schuld, das hast du jetzt davon. Das geschieht dir recht.“ Solche Sätze gehören zum Umgangston und ich bin da keinesfalls der edle, fromme Außenseiter, der es besser macht. Vielleicht ist heute ein guter Tag, diese Gewohnheit einmal zu hinterfragen, denn geholfen hat sie dem Spötter nicht und mich hat sie bisher auch noch nie entscheidend weitergebracht.
 
Du bist doch der Messias, oder nicht? Dann hilf Dir selbst und hilf auch uns!“ Das ist zynisch. Auch ich werde manchmal zynisch, wenn ich nicht mehr weiter weiß. Sollen doch die anderen die Probleme lösen. Ich war ja z.B. schon immer gegen Atomkraft. Dass ich dennoch fleißig dazu beigetragen habe, den Energieverbrauch von Jahr zu Jahr zu steigern, kann ich wunderbar durch Schuldzuweisungen verdrängen.
 
Ganz anders als dieser Spötter reagierte der zweite Verbrecher, der neben Jesus am Kreuz hing. Seine Worte sind nicht weniger merk-würdig: 

„Jesus, denk an mich, wenn Du Deine Herrschaft antrittst.“
Er macht für sein eigenes Scheitern niemand anderen verantwortlich - auch nicht Jesus. Das finde ich stark. Seine eigenen Fehler nicht zu vertuschen, ist selten geworden. Und er erkennt in diesem Moment, dass im Gegensatz zu ihm Jesus tatsächlich völlig unschuldig dieses Leid erträgt.
Die dritte Person, die mir aufgefallen ist, ist der Hauptmann. Er hat gewissermaßen nur seinen Job als Soldat gemacht, als er gemeinsam mit anderen Jesus ans Kreuz schlug. Er ist eine absolut tragische Figur. 
 
Foto: aboutpixel.de Fotograf: Pascal Can
Wie muss er sich gefühlt haben, als er plötzlich erkannte, was er angerichtet hat. Vielleicht hat er sich gefragt: „Worauf habe ich mich da nur eingelassen? Wie konnte ich nur?“ Ich kann mir gut vorstellen, dass sich das auch manch Soldat fragt, egal ob im Irak, in Afghanistan, in Libyen oder anderswo. „Worauf habe ich mich da nur eingelassen?“ fragt sich vielleicht auch manch Politiker oder manch Verantwortlicher von Tepco in Japan, wenn langsam oder mit einem Schlag deutlich wird, welch unbändige Kraft da jetzt völlig außer Kontrolle geraten ist. 

Kommt die Reue nicht etwas spät? Einerseits schon. Jesu Kreuzigung ist nicht mehr rückgängig zu machen, auch der einsichtige Verbrecher wird neben Jesus am Kreuz sterben, in Japan werden die Folgen der Atomkatastrophe Jahrzehntelang die Region um Fukushima prägen und wir in Deutschland wissen auch noch nicht, wie und wo und ob es überhaupt eine Möglichkeit gibt, unsere atomaren Altlasten einigermaßen sicher zu lagern. Tragisch, wenn die Einsicht zu spät kommt und doch behaupte ich: Besser spät, als nie. Der einsichtige Verbrecher bekommt noch im Sterbeprozess eine paradiesische Zukunftsperspektive. Eine Perspektive, die er sich nicht verdient hat, ganz im Gegenteil. Er- und übrigens auch der tragische Hauptmann bekommen ihre Zukunftsperspektive durch die unglaublichen Worte von Jesus, der – Gott sei Dank -kurz vor seinem Tode auch noch etwas zu sagen hat:

Herr, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ 

Diese Feindesliebe bis zum Schluss haut mich jedes Mal aufs Neue um, macht mich sprachlos und unglaublich dankbar.

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